Der mahnende Mühlstein

Vor zehn Jahren setzte der „mahnende Mühlstein“ auch in Bayreuth ein Zeichen gegen Gewalt an Kindern.
AVALON, die Stadt Bayreuth und die Initiative gegen Gewalt haben zusammengearbeitet und ermöglicht, dass dieses Projekt auch bei uns verwirklicht werden konnte. 11 Jahre reiste der Mühlstein durch 30 Städte Deutschlands – nun hat er seinen endgültigen Platz im Vatikan gefunden.
Im hier anhängigen Interview und Pressetext berichtet Herr Heibel von seiner Motivation für dieses Projekt.
Der Hoffnung darauf, dass der Stein als stetiges Mahnmal im Vatikan der katholischen Kirche zur kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Vernachlässigung, Missbrauch und sexueller Gewalt dient.

Das Projekt ist in einem Bildband dokumentiert, der im August erschienen ist. Dank an Johannes Heibel, der diesen Stein ins Rollen gebracht hat!

Pressemitteilung August 2020
Mahlgang der mahnenden Art


Wenn einer einen Stein ins Rollen bringt.
11 Jahre lang reiste die Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e.V. mit einem Mühlstein durch ganz Deutschland.

Eingemeißelt war ein Bibelzitat aus dem Matthäus Evangelium:
„Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt,
dem wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und
er in die Tiefe des Meeres versenkt würde“ (Mt 18,6).

Die Inschrift erhitzte mancherorts die Gemüter und löste Diskussionen aus. In dem jetzt von der Initiative herausgegebenem Bildband wird die Reise des Mühlsteins mit vielen Fotos und Redebeiträgen dokumentiert und auch darüber berichtet, wie die Menschen auf die beabsichtigte Provokation reagierten. Initiator dieser Aktion war Johannes Heibel, der auch Vorsitzender der Initiative gegen Gewalt ist. Ihm ging es darum, die Erwachsenen an ihre große Verantwortung gegenüber den ihnen anvertrauten Kindern zu erinnern. Der Mühlstein soll ermahnen, Kindern kein Leid anzutun. Aus diesem Grund erhielt er den Namen „Mahnender Mühlstein“. Zum Abschluss des Projektes wurde der „Mahnende Mühlstein“ am 27.11.2019 Papst Franziskus auf dem Petersplatz in Rom übergeben.
Der Papst zeigte sich sichtlich bewegt und sagte zu den Vertreterinnen und Vertretern der Initiative:

„Das ist ein starkes Zeichen!“

Bereits einige Tage danach hatte der Papst einen festen Platz für den Mühlstein im Vatikan gefunden. Unter einem eindrucksvollen Baldachin liegt er nun neben der Audienzhalle und der Päpstlichen Kinderschutzkommission.

Der 416-seitige Bildband der Reise des „Mahnenden Mühlsteins“ unter dem Titel:
„Nur ein Stein – und doch so bewegend“
(ISBN 978-3-00-065117-5) ist direkt über die Initiative gegen Gewalt e.V.
zum Preis von
19,95 € + Versandkosten zu beziehen.
E-Mail-Adresse: info@initiativegegen-gewalt.de – Telefon: 02623/6839.

Zeitungsinterview


Wie ein Mühlstein Papst Franziskus bewegt

Vorsitzender der Initiative gegen sexuellen Missbrauch Johannes Heibel spricht über die Begegnung mit dem katholischen Kirchenoberhaupt Siershahn. Der „Mahnende Mühlstein“ der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in Siershahn hat jetzt einen festen Platz im Vatikan in Rom. Das Mahnmal steht nahe des Petersdoms hinter der Audienzhalle des Papstes am Largo Giovanni Paolo. Für den Gründer und Vorsitzenden der Initiative, Johannes Heibel, war die Übergabe des Mühlsteins an Papst Franziskus ein prägendes Erlebnis und zugleich eine Anerkennung seines langjährigen Engagements gegen sexuellen Missbrauch. Unsere Zeitung hat mit dem Siershahner gesprochen.

 

Was war es für ein Gefühl, am Ziel zu sein und den Mühlstein Papst Franziskus zu schenken?

Ein gutes. Nach zwei Jahren harter Vorbereitungszeit hatten wir es endlich geschafft. Ich habe unsere Reise nach Rom eine Abenteuerreise mit ungewissem Ausgang genannt. So war bis Mitte November nicht klar, ob wir uns überhaupt auf den Weg machen können. Erst im letzten Moment kamen die Details für die geplante Übergabe am 27. November. In Rom ging es mit den Ungewissheiten weiter. Endlich hieß es, wir sollen am Tag der Übergabe mit dem Mühlstein zum Eingangstor des Vatikans vorfahren, um ihn dann vor dem Wohnhaus des Papstes dem Kirchenoberhaupt vor seiner Generalaudienz zu übergeben. Also fuhren wir zur vereinbarten Zeit am Mittwochmorgen um Punkt 7.30 Uhr zum Eingangstot an der Mauer zum Vatikan. Als wir das Tor passiert hatten, wurden wir zu unserem Erstaunen von Sicherheitskräften immer weiter gewunken, sogar gleich bis auf den Petersplatz, genau vor dem großen Treppenaufgang zum Petersdom. Wir konnten das gar nicht fassen.

 

Wie haben Sie Papst Franziskus persönlich erlebt?

Er kam zuerst zu mir, wir haben uns begrüßt, uns die Hände gegeben. Ich habe ihm unsere Gruppe vorgestellt. Er ist ein sehr liebenswürdiger und bescheidener Mensch. Er stand dann vor dem Mühlstein und hat den Spruch gelesen. Nach einer halben Minute sagte er auf Deutsch: „Stark, das ist stark!“ Er war bewegt und auch berührt. Dann sagte er mehrmals zu mir: „Wissen Sie, meine Arbeit ist sehr schwer. Bitte beten Sie für mich.“ Das war etwas ganz Besonderes. Dann hat er sich ein paar Minuten Zeit für ein gemeinsames Foto und persönliche Gespräche  genommen.

 

Seit Sommer 2008 waren Sie mit dem Mühlstein auf Deutschlandtour. War von Anfang an geplant, den Mühlstein dem Papst zu schenken?

Nein. Die Idee kam erst am Ende des Weges. Im September 2017 habe ich das Buch „Pater, ich vergebe Euch!“ von Daniel Pittet, einem Missbrauchsopfer aus der Schweiz, gelesen. Hierin schildert der Autor, wie er als Kind vier Jahre lang von einem Kapuziner-Pater vergewaltigt wurde. Für das Buch hat Papst Franziskus ein Vorwort geschrieben, in dem er genau das Bibelzitat aus dem Matthäus-Evangelium verwendet, das auch auf unseren Mühlstein eingemeißelt ist. Das war für mich wie eine Eingebung. Da dachte ich: Der Papst hat es verstanden, er trägt unser Anliegen mit. Und er soll auch diesen Stein als Geschenk bekommen.

 

Was soll der Stein bewegen?

Der Mühlstein ist Ausdruck der Hoffnung, dass die katholische Kirche in Zukunft Missbrauchsfälle konsequenter und transparenter aufklärt und nichts vertuscht.  Es ist wichtig, dass man den Opfern zur Seite steht. Der Mühlstein soll die Menschen wach rütteln, Diskussionen auslösen und Anstoß geben, den Kinder- und Jugendschutz stetig zu verbessern. Kinder müssen vor Vernachlässigung, Missbrauch und sexueller Gewalt geschützt werden.

 

Hat sich in diesen elf Jahren der Mühlstein-Tour aus Ihrer Sicht etwas im Umgang mit der Aufarbeitung und der Aufklärung von sexuellem Missbrauch getan?

Geändert hat sich insofern etwas, als dass inzwischen viele Menschen wissen, dass sexueller Missbrauch kein Einzelfall, sondern ein großes Thema ist. Leider hat (bisher) keine intensive inhaltliche Diskussion stattgefunden. Wir müssen die Einzelfälle viel akribischer, intensiver aufarbeiten, um herauszufinden, was sich strukturell für den Kinder- und Jugendschutz verbessern muss. Es geht darum, dass man beim geringsten Anfangsverdacht schon alles tun muss, um die im Raum stehende Beschuldigung zweifelsfrei aufzuklären. Dafür brauchen wir ein staatlich anerkanntes Amt für Opferschutz, Aufklärung und Prävention in den einzelnen Städten und Kreisen, das unter anderem bei der Aufklärung des Sachverhaltes auf ein Fachberaterteam aus Anwälten, Sozialpädagogen, Psychologen und erfahrene Ermittler zurückgreifen kann.

 

Auch wenn der Mühlstein jetzt beim Papst liegt, gibt es also noch viel zu tun?

Ganz sicher. Die Übergabe an den Papst ist ein starkes Zeichen. Aber damit ist die Arbeit aber leider nicht getan. Für uns ist es ein vorbildlicher Abschluss unserer bundesweiten Aktion. Einen besseren kann man sich nicht vorstellen.

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