Männer & Stereotype

Aktuell, Beratung

„Frauen hindert man an der Verwirklichung ihrer eher starken, tatkräftigen […] Seiten ihres Wesens. Männer haben dagegen keinen Zugang zu ihren zarten, gefühlsbetonen, fürsorglichen und pflegerischen Qualitäten. Und jeder ist der Verlierer“

(Buch „Als Junge mißbraucht“ – S. 60, Mike Lew)

Die Gesellschaft gibt genaue Vorstellungen darüber, wie ein echter Mann zu sein: Männer sind immer bereit zum Sex, zeigen keine Gefühle und sprechen auch nicht über sie. Männer sind keine Opfer oder Betroffene, denn sie sollen immer stark sein, sich keine Hilfe holen und mit ihren Gefühlen selbst fertig werden. Das Männlichkeitsbild ist geprägt von Dominanz, Rationalität und Erfolg. Sexualisierte Gewalt? So etwas passiert einem echten Mann nicht! Männer haben einfach nicht betroffen von sexualisierter Gewalt zu sein!

Männer erleben auch sexualisierte Gewalt!

Die Realität ist eine andere. Sexualisierte Gewalt gegen Männer geht oft mit häuslicher Gewalt einher und existiert in einem Spektrum von (verbaler) sexueller Belästigung über Nötigung bis hin zu Vergewaltigungen. Jungen machen etwa ein Drittel der Betroffenen von sexuellem Missbrauch aus (Die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, UBSKM) und die Pilotstudie 2004 „Gewalt gegen Männer“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) führt auf, dass ungefähr jeder zwölfte der befragten Männer von eindeutiger sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend berichtete. Männer erleben also auch sexualisierte Gewalt! Und trotzdem herrscht einnehmendes Schweigen um das Thema. Geben Männer zu, dass sie sexualisierte Gewalt erfahren haben, bedeutet das gleichzeitig für sie, dass sie auch zugeben müssen, schwach gewesen zu sein – beides gesellschaftlich stark tabuisiert!

Wie gehen Betroffene damit um?

Das Stereotyp „Männer sind keine Opfer“ führt im Umkehrschluss bei Betroffenen häufig zu dem Gedanken: Wenn echte Männer keine Opfer zu sein haben, dann bin ich als Betroffener kein echter Mann. Ein betroffener Mann hat dadurch das Gefühl, dass er die Tatsache, missbraucht worden zu sein, verstecken muss – aus Angst sonst abgelehnt, in seiner Männlichkeit angezweifelt oder verspottet zu werden.

Denn

„von einem „wirklichen Mann“ erwartet man, dass er sich in jeder Situation selbst schützen kann! Er soll auch imstande sein, jedes Problem zu lösen und sich von jedem Rückschlag zu erholen“

(Buch „Als Junge mißbraucht“ – S. 67, Mike Lew)

Alles andere wäre feige und unmännlich. Man spricht von der „Scham der Unmännlichkeit“. Diese erschwert es nochmal mehr über die Gewalterlebnisse zu sprechen und führt oft dazu, dass Männer sich isolieren und einen Druck verspüren, sich anzupassen, sich zu verstellen und noch mehr zu lernen wie man Gefühle verbirgt und verleugnet. Der Preis für die Täuschung sind Erschöpfung und Isolation. Demnach scheinen die

„die größten Hindernisse für Männer darin zu liegen, die Scham zu überwinden und eine Sprache dafür zu finden.“

(BMFSFJ, Gewalt gegen Männer)

Wie geht die Gesellschaft damit um?

Die Gesellschaft geht davon aus, dass es sexualisierte Gewalt an Männern nicht gibt. Ihre Betroffenheit wird ihnen kategorisch abgesprochen und selbst Fachpersonal wie Sozialarbeiter*innen oder Psychotherapeut*innen haben oft kein fundierteres Wissen über die Betroffenheit von Männern und Jungen. Nicht selten werden sexualisierte Gewalterlebnisse sogar bagatellisiert. Letztendlich hinterlässt das Sprachtabu alle Beteiligte mit großen Unsicherheiten: die Betroffenen selbst, ihr Umfeld, die Behörden – niemand weiß genau wie damit umgegangen werden soll und die Situation wird überfordernd. Dazu kommt, dass kein adäquates Hilfsangebot zur Verfügung steht. Betroffene Männer haben ein Anrecht auf Hilfe, Unterstützung und Schutz, finden sich jedoch leider zu oft in einem Hilfs- und Unterstützungssystem, welches Männer als Gewaltopfer nicht berücksichtigt.

Was kann man tun?

Ein grundlegender Schritt ist es, die Betroffenheit von Männern überhaupt in Erwägung zu ziehen! Es ist wichtig zu verstehen, dass wir gesellschaftliche Normen verinnerlicht haben, aber Stereotype von Männern dürfen hinterfragt werden! Jungen und Männern müssen Gefühle zugestanden werden. Damit sich ein positiver Wandel in den Einstellungen und im Verhalten zeigen kann,

„muss ein Klima geschaffen werden, das die Notwendigkeit der Veränderung anerkennt und die Lösung von Problemen ermutigt. Veränderung muss im Gesamtzusammenhang erfolgen“

(Buch „Als Junge mißbraucht“ – S. 62, Mike Lew)

Digitaler Fachtag

Gemeinsam mit der Männer*Beratung Oberfranken veranstalten wir am 1. Dezember 2023 einen digitalen Fachtag zum Thema „Männer* mit sexualisierter Gewalterfahrung in Kindheit und Jugend – Raum Oberfranken“. In Planung sind Workshops zur Prävention konkret, Erschließung des ländlichen Raums, angeleitete Selbsthilfegruppe und Seniorenarbeit, sowie Vorträge von Gastreferenten zu den Themen „Frauen als Täterinnen“ und „Männer als Betroffene“.

Interesse?

Bei Interesse an einer Teilnahme am Fachtag freuen wir uns über eine Mail

Kollegialer Partner

Unser kollegialer Partner im Männerprojekt ist die Männer*Beratung Oberfranken, in Hof. Die Männer*Beratung Oberfranken wird ebenfalls finanziert vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales und ist eine Beratungsstelle für Männer*, die in ihrer Kindheit und Jugend sexualisierte Gewalt und Missbrauch erfahren haben. Betroffene Männer*, wie auch Menschen aus dem sozialen Umfeld betroffener Männer* und Fachkräfte aus dem Raum Oberfranken können sich mit Fragen oder zur Anbindung Betroffener verlässlich an die Männer*Beratung Oberfranken wenden – auf Wunsch auf anonym.

Weitere Hilfsstellen in Nordbayern für gewaltbetroffene Jungs und Männer sind das ISKA Nürnberg, Jungenbüro Nürnberg, Trauma Hilfe Zentrum Nürnberg, Caritas Nürnberg, RiposoNürnberg und Aids-Beratung Oberfranken.

Mehr Informationen

Weitere Details finden Sie auf der Website Männer*Beratung Oberfranken.

Unser Männerpräventionsprojekt

Seit 2019 wird unser AVALON-Präventionsprojekt für betroffene Männer durch das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales gefördert. Wir bieten oberfrankenweit niedrigschwellige Präventionsangebote an, die sich primär an bereits in Kindheit und Jugend von sexualisierter Gewalt betroffene Männer richten, im Sinne der Verhältnisprävention auch auf das jeweilige Lebensumfeld der Männer Wirkung entfalten sollen. Die Ansprechpartnerinnen für unser Männerprojekt sind derzeit Claudia Stöger-Müller und Maria Deinlein.

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Männer stehen oben auf einem Berg im Sonnenuntergang und halten sich an den Händen. Auf einem Fels mit Felsspalte zwischen der Gruppe und einer Person, werden ihm die Hände zur Unterstützung gereicht.
… Männer erleben auch Gewalt!
Männer* mit sexualisierter Gewalterfahrung in Kindheit und Jugend im Raum…
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Finanzielle Unterstützung

Bei unserem Projekt können Sie unser Männerpräventionsprojekt unterstützen.

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Literaturempfehlungen zum Thema

Familiärer Missbrauch & Häusliche Gewalt

Familiärer Missbrauch & Häusliche Gewalt – Tabuthema Gewalt gegen Männer | Y-Kollektiv

Betroffene brechen das Schweigen

(Schweizer-Deutsch, aber mit Untertiteln)
Sexuelle Übergriffe an Männern – Ein gesellschaftliches Tabuthema | Reportage | rec. | SRF

Sexuelle Belästigung und falsche Anschuldigungen

(Schweizer-Deutsch, aber mit Untertitel)
So erleben Männer sexuelle Belästigung | Sichtbar | Folge 3

Täterinnen

Vergewaltigung von Jungen durch Frauen

Buch „Sexueller Missbrauch an Jungen – die Mauer des Schweigens“

von Dirk Banger
ISBN-13 978-3801720650

Buch „Als Junge mißbraucht“

von Mike Lew
ISBN-13 978-3466303403